Arnold Vaatz erinnert sich an den Mauerbau und die Folgen für sein Leben

Es war ein Sonntag mit herrlichem Wetter. In meinem Heimatdorf Steinsdorf bei Weida fand auf dem Sportplatz ein Fußballspiel statt. Ich war vor wenigen Tagen sechs Jahre alt geworden. Mein Geburtstagsgeschenk war ein Fahrrad, das ich an diesem Tag den Berg hochschob. Ich ahnte, dass etwas Besonderes passiert sein musste, so aufgeregt, wie sich die großen Kinder neben mir unterhielten. Es war der 13. August 1961.

Vorher war alle paar Tage jemand aus dem Dorf verschwunden – in den Westen, wie es hieß. In den Westen, wo, wie wir später in der Schule lernten, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Verbrechen warteten. Freiheit, sagte uns der Lehrer, sei wertlos ohne soziale Rechte: Rechte auf Arbeit, auf Wohnung, auf medizinische Versorgung. Ich wurde nachdenklich. Freiheit opfern für soziale Sicherheit?

Ich bekam Gelegenheit, diesem Satz auf den Grund zu gehen. Im Jahr 1982. „Hier ist Arbeit für jeden, medizinische Versorgung für jeden, niemand muss hungern. Und einmal in der Woche gibt’s Kino.“ Mit diesen Worten begrüßte damals der diensthabende Strafvollzugsbeamte des Gefängnisses Unterwellenborn die angetretenen Neuankömmlinge – unter anderem mich. Nach dieser Ansprache strich ich den letzten Staatsbürgerkunde-Müll aus meinen Gedanken.

Seit 1961 existierte die DDR nur wegen der Mauer. Nur: Ihre Wirkung ist für Jüngere nicht mehr nachvollziehbar. Längst muss die Mauer für linke Propaganda herhalten: Da schändet ein  selbst ernanntes „Zentrum für politische Schönheit“ die Kreuze für die Maueropfer am Reichstag. Da vergleicht man die Schließung der Balkanroute mit dem Mauerbau und setzt das Recht, jemanden am Kommen zu hindern – das man  wahrnimmt, sobald man seine Wohnungstür abschließt – gleich mit dem Verbrechen, jemanden am Gehen zu hindern. Wer die Mauer erlebt hat, ballt die Faust.

Denn: Niemand hat jemals das Recht, Millionen Menschen, von denen keinerlei Gefahr ausgeht und die sich keinerlei Verbrechens schuldig gemacht haben, unter Todesandrohung an irgendeinem Ort der Welt auf  unabsehbare Zeit festzuhalten – auch wenn dieses Verfahren eine alte russische Gewohnheit sein  mag. Niemand hat das Recht, Menschen zu verkaufen wie Vieh. Nicht die Sklavenhalter im alten Rom oder in den amerikanischen Südstaaten, nicht der „Islamische Staat“ und nicht der Kreml oder seine Ostberliner Kollaborateure.

Der Mauerbau – und das sage ich denen, die ihn noch heute verteidigen – war ein Verbrechen. Das Gerede vom antifaschistischen Schutzwall war eine Lüge. Als die Mauer 1989 fiel, zog nicht der Faschismus bei uns ein, sondern die Demokratie. Das Gerede der SED von der Mauer als Retterin des Weltfriedens war eine Lüge. Als die Mauer fiel, brachte das keinen Krieg, sondern im Gegenteil Frieden, Freiheit und Abrüstung in ganz Europa.

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