Arnold Vaatz kritisiert im Streit Böhmermann gegen Erdoğan beide Seiten
Wenn Herr Böhmermann, der so gern austeilt und so ungern einsteckt, mit gestrichen vollen Hosen das Kanzleramt um Milde anfleht, ist das eigentlich schon Spaß genug. Man könnte es also auf sich beruhen lassen.
Es geht aber um mehr: Die Meinungsfreiheit ist das Fundament unserer Demokratie. Aber bewusste Herabwürdigungen sind nicht Teil der Meinungsfreiheit. Sie verletzen das Grundgesetz, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist. Dabei ist es unerheblich, ob es sich dabei um die Würde einer „Majestät“ oder eines beliebigen Passanten auf der Straße handelt.
Als Sendung eines öffentlich- rechtlichen Mediums ist das Gedicht kein Pubertätsunfall mehr, sondern eine redaktionelle Entscheidung. Und ein Anschlag auf die Menschenwürde, und zwar egal welcher Taten man den angegriffenen Erdoğan mit Recht bezichtigen kann. Nur ist seine Politik in der Türkei kein Comedy-Klamauk, sondern bitterer Ernst. Er entwickelt autokratische Züge, er verfolgt kritische Journalisten, überfällt Zeitungsredaktionen, schaltet Sender gleich und schürt einen Bürgerkrieg. Um dies zu bewerkstelligen, braucht er eine leistungsfähige Propagandamaschinerie. Deshalb ist das Ziegenfickergedicht für ihn ein Himmelsgeschenk.
Zwar liebt man es in Europa und Amerika, den Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken; aber Erdoğan weiß, dass in der übrigen Welt niemand bereit wäre, sich als Zoophiler und Päderast bis aufs Blut beleidigen zu lassen. Auch Menschen nicht, die ihm kritisch gegenüberstehen. Und einen Solidarisierungseffekt kann er in seiner Lage gut brauchen. So lassen sich die Gegner seiner Politik besser bekämpfen. Schaut euch an, mit wem sie im Bunde sind, wird er sagen. Und das Ziegenfickergedicht hochhalten. Unsere Spaßfabriken – und zwar querbeet – produzieren also nicht nur peinlichen Schwachsinn. Sie gefährden Menschen, die anderswo für Demokratie und Menschenrechte eintreten. Und sie halten sich für die Guten, weil sie alle aus der linken Ecke kommen. Das macht ihre Pointen so vorhersehbar. Und weil es zu intellektueller Substanz kaum noch reicht, interpretieren sie Meinungsfreiheit als Ermächtigung zu immer maßloseren Beleidigungen gegen jedermann.
Sie schüren die Zweifel an der Fähigkeit der Demokratie, die Würde des Menschen, die unantastbar sein soll, zu schützen. Denn die neue Streitkultur scheint zu sein, den Verzicht auf Argumente durch tödliche Kränkungen des Gegners zu kompensieren. Wen es trifft, entscheiden die Mächtigen der Sender.
Satire darf alles. Nein, stopp: politisch korrekte Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf alles. Rainer Brüderles Dirndlsatire, nicht im TV, sondern nur nachts um elf an einer Hotelbar, bleibt dagegen verboten, damit das klar ist.