Arnold Vaatz schreibt hier über eine Diskussion mit einem Pegida-Anhänger
Zum 26. Jubiläum der ersten freien Volkskammerwahlen erleben wir eine ziemlich ratlose Zeit. Die Flüchtlingskrise zerrt an den Nerven der Politik, die Lager gehen aufeinander los. Unser Herz ist, wie Gauck sagt, weit, aber unsere Kräfte sind endlich. Mit feinem Gespür für die Schwäche der Politik erleben wir die Sternstunden der Krakeeler und Gewalttäter. Sie kühlen ihr Mütchen an Wehrlosen und Unschuldigen. Pflastersteine fliegen, Flüchtlingsheime brennen. Die Politik soll „Zeichen setzen“, „Aufstände der Anständigen“ initiieren und so weiter. Die Betroffenheits- und Empörungswettbewerbe sind aber sinnlos, solange die Angesprochenen den Kommunikationsdraht abgeschaltet haben.
Die große Mehrheit derer, die das Gespräch mit den tonangebenden Stimmen in unserer Gesellschaft abgebrochen haben, neigt nicht zu Gewalt (dann sähe es in unserem Lande noch ganz anders aus), noch empfindet sie Sympathie für Gewalttäter. Einen Pegida- Gänger kenne ich vom Studium. Ich traf ihn kürzlich. Ob seine Meinung exemplarisch ist, weiß ich nicht.
Als ich ihn mit Hinweis auf die enorme Solidarleistung der Westdeutschen bei der Wiedervereinigung fragte, wieso er anderen verweigern wolle, was ihm zuteil geworden ist, antwortete er mir so: „Kannst du dich an den Abend der Volkskammerwahlen erinnern? Vor 26 Jahren? Da wurde Otto Schily interviewt. Er hielt zur Erklärung dafür, wie die DDR gewählt hat, hämisch eine Banane in die Kamera. Das war seine „Willkommenskultur“. Damals. Stell dir so was heute von irgendeinem Bürgermeister gegenüber Flüchtlingen vor. Der Mann ist morgen weg und für ewig gebrandmarkt. Aber als es gegen uns ging, da war das okay! Solange die Wessis dazu mit Bananen winken, können sie sich ihre Solidarität in den Arsch stecken. Und Schily? Eine angesehene Persönlichkeit! Ging zur SPD! Wurde Innenminister! Das mit der Banane war offensichtlich auch keine Hetze!“
Ich ließ ihn ausreden, fragte dann: „Und deshalb rennst du zu Pegida? Sind die Flüchtlinge an Schilys Banane schuld?“ Er darauf: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber gegen die Schilys dieses Landes und gegen jene, von denen sie sich noch mehr Verstärkung erhoffen. Und gegen eine Gesellschaft, die mit unterschiedlichen Maßstäben misst. Die Schilys sitzen heute überall. Sie führen das große Wort: in den Parlamenten, Zeitungen, Talkshows. Ich habe das Recht, sie so zu verachten wie sie mich. Und wenn sie sagen, die Erde sei rund, ‚dann weiß jedes Kind, unsre Erde ist eckig‘.“ Mit diesem Biermann-Zitat, Schnitzler betreffend, drehte er sich um und ging grußlos seiner Wege.
Was machen wir mit ihm? Einen Aufstand der „Anständigen“ lostreten? Einen Aufstand der Schilys? Was soll der bringen? Er wird den „Anständigen“, die „Anständigkeit“ der „Anständigen“ beweisen.