Am Montag, dem 28. Dezember 1987 riss auch die zweite Aufhängung ab. Nun hing der Auspuff nur noch am Krümmer, und der Nachschalldämpfer schepperte über das Pflaster. Ich nahm etwas Draht, kroch rücklings unter meinen Pkw Trabant und ging ans Werk. Da befreite sich der Silvesterkarpfen aus dem Eimer zwischen Rück- und Vordersitz und platschte zwischen meine Beine. So weit die Wahrheit. Und nun das Märchen. „Wirf mich in einen Teich!“, flehte der Karpfen. „Geht nicht! Ich repariere gerade den Auspuff.“ Da spuckte der Fisch eine nagelneue Auspuffaufhängung aus, absolute Mangelware. „Nützt nichts!“, rief ich. „Ich hab kein Werkzeug!“ Und schon lagen zwei 10er-Maulschlüssel bereit. „Ist ja wie im Westen!“, rief ich. Im Nu war die Arbeit getan. „Wenn du nun noch die Mauer einreißt, gibt’s zu Silvester Spaghetti!“ „Warum nicht!“, sagte der Karpfen, „In zwei Jahren vielleicht.“ Ich warf ihn in den Eimer und fuhr los. „Aber du denkst wohl“, hörte ich ihn brummeln, „der Westen wartet auf dich, nur weil dich die DDR ankotzt? Was hast du denn zu bieten? Herrschaftswissen? Ressourcenkenntnis? Ein Seegrundstück? Nichts! Niemand braucht dich. Aber im Westen kriechen sie dann in Scharen unter ihren eingestürzten Weltbildern hervor und hassen dich! Sie lieben den Sozialismus! Solange er andere trifft.“ Ich gab Gas: „Na und? Was für mich die DDR ist, ist für dich der Kochtopf!“ Er: „Ihr werdet die SED- Bonzen aus den Chefsesseln werfen. Einverstanden! Aber beerben werdet ihr sie nicht! Das geht dann nach Recht und Gesetz! Wovon der Dümmste aus dem Westen mehr versteht als ihr! ‚Besserwessi‘ werdet ihr ihn nennen! Unterdessen werden neue Geschlechter erfunden! Und das Binnen-I! Nachwuchs wird importiert statt gezeugt!“ „Er redet irre“, dachte ich, „Gleich ist er tot!“ Ich hielt an, trat ein Loch ins Eis, rief: „Freiheit gegen Freiheit!“, warf den Karpfen in den Teich.

Der Karpfen von 1987 hat dann zwei Jahre später übrigens einen guten Job gemacht. Oder nicht? Nun, nehmen wir an: Es waren seit dem 9. November 1989 keine 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage. Es war nur ein Sekundenschlaf. Man wacht dann bei bitterer Kälte wieder unterm Auto auf. In der steif gefrorenen Hand ein Stück Draht.

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