Kolumnist Arnold Vaatz und seine Gedanken zum 100. Jubiläum der Oktoberrevolution
Der Urnenhain in Dresden-Tolkewitz beherbergt das verwahrloste Grab eines gewissen Alexander Helphand. Helphand – Deckname Parvus – war eine zwielichtige Person: In Weißrussland geboren, Waffenhändler, linker Aktivist. Er brachte die deutschen Behörden dazu, den im Schweizer Exil lebenden Lenin in einem als exterritorial gekennzeichneten plombierten Eisenbahnwaggon durch Deutschland nach Russland zu überführen. Am 3. April 1917 kam Lenin dort an. Wie so ein „Regime-Change“ ins Auge gehen kann, erlebten wir in den folgenden 70 Jahren. Lenins Putsch gegen die Demokraten der Februar-Revolution nannte man in der DDR “, die tatsächlichen Geschehnisse stark verfälschend, „Große Sozialistische Oktoberrevolution“.
Als erstes entstand danach die Tscheka, die Stasi der ersten Stunde. Sie ermordete alleine bis 1920 nach unabhängigen Schätzungen bis zu 250 000 Menschen. Im August 1918 errichtete man Konzentrationslager: Der GULag wurde geboren, in dem bald Millionen Menschen „verschwanden“. 1932 begann der Holodomor: Eine von Stalin organisierte Hungersnot in der Ukraine (in der flächendeckend mit Waffengewalt das gesamte Getreide konfisziert und für Devisen exportiert wurde) tötete 4,5 bis 10 Millionen Menschen. 1934 begannen die großen Stalinschen Säuberungen, denen abermals Millionen Menschen zum Opfer fielen oder in Lagern endeten. Man schätzt die Opfer Stalins heute auf weit über 20 Millionen. Stalins „Erfolge“ machten Schule: Während wir in der DDR mit blauen und roten Halstüchern „kleine Weiße Friedenstaube sangen“ kostete Maos Politik des „großen Sprung“ etwa 45 Millionen Chinesen das Leben. Pol Pot ließ etwa 2 von 16 Millionen Kambodschanern töten.
All das wird bis heute von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Schon seit den dreißiger Jahren überboten sich westeuropäische Intellektuelle im Kotau vor Stalins Terror. Lion Feuchtwanger, Andre Gide, Louis Aragon, Paul Eluard – die Liste ist lang. Sie legitimierten Stalins Massenmord in der westlichen Gesellschaft und machten sich so zu Mittätern; und Hitlers linke Kinder in Westdeutschland hatten seit Ende der 60er nichts Eiligeres zu tun, als den Massenmörder Mao zu ihrem Idol zu machen.
Da die Empörung ausblieb, gab es weder in Russland eine Aufarbeitung des Stalinismus noch in China eine des Maoismus. Die Denkmäler der Täter entstehen neu im alten Glanz. Und schon heute wird der wirtschaftliche Rückstand des Ostens von Deutschland und Europa allen möglichen Ursachen zugeschrieben – nur nicht der jahrzehntelangen erzwungenen Stagnation unter dem Stiefel der Sowjetdiktatur.
Die Oktoberrevolution wird aus ihrer Verantwortung für millionenfache Verbrechen und unsägliches menschliches Leid komplett entlassen.