Arnold Vaatz über den in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten

Nahe der bulgarischen Grenze, im türkischen Gefängnis Silivri, sitzt gegenwärtig der Journalist Deniz Yücel in Haft. Er ist deutscher und türkischer Staatsbürger, geboren 1973 in Deutschland. Er wird der Propaganda für eine terroristische Vereinigung bezichtigt. Ein Angriff der türkischen Behörden gegen die Freiheit der Presse. Nicht hinnehmbar für ein Land, das in die EU will. Entsprechend deutlich waren die Interventionen aus Deutschland. Kollegen demonstrierten für seine Freilassung, die Bundeskanzlerin schaltete sich ein, Bundespräsident Gauck meldete Zweifel an, ob die Türkei wirklich ein Rechtsstaat bleiben wolle, und auch sein Nachfolger forderte gleich in seiner Antrittsrede Yücels sofortige Freilassung. Ich kann mich dieser Forderung nur anschließen. Die Freiheit der Presse ist das Rückgrat der Demokratie.

Es fiel mir aber auf, dass Yücels Wirken als Journalist aus der öffentlichen Debatte etwas  ausgeblendet wurde. Dann hörte ich, rechtsradikale Plattformen verbreiteten Yücel-Zitate. Ich recherchierte, wurde fündig in der „taz“ (die bekanntlich alles andere als dem rechten Spektrum zuzurechnen ist).

Was ich las, hielt ich zunächst für Satire: „Endlich! Super! Wunderbar“, schrieb Yücel dort, „Deutschland schafft sich ab! … Noch erfreulicher: Die Ossis schaffen sich als Erste ab.“ Die Zahl der Minderjährigen sei in zehn Jahren um 29 Prozent  gesunken. „Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gescheitert sind … [das] übernehmen die  Deutschen nun also selbst … Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner  schönsten Seite.“ Das bisher Gesagte war ekelhaft, aber vielleicht doch noch von der Narrenfreiheit der Satire gedeckt. Aber dann hörte der  Spaß auf: „Eine Nation, deren größter Beitrag zur Zivilisationsgeschichte der Menschheit darin besteht, dem absolut Bösen Namen  und Gesicht verliehen und … den Krieg zum Sachverwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit gemacht zu haben …  Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“ Mit diesem Satz wird Yücels Elaborat vom  geschmacklosen Spaß zum bitteren Ernst.

Ich stellte mir nun vor, dass nach seiner hoffentlich baldigen Ankunft in dem ihm so  verhassten Deutschland der Staatsanwalt deswegen gegen ihn ermittelt, genauso wie er in Dresden gegen den Volksverhetzer Bachmann ermittelt hat. Aber als Nichtjurist musste ich mich belehren lassen, dass solche Giftspritzerei dann kein Straftatbestand ist, wenn sie sich „nur“ gegen die Mehrheitsbevölkerung richtet.

Der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Yücel steht also nichts mehr im Wege. Und wir müssen uns auf beliebige Beschimpfungen aufgrund unserer Abstammung einrichten. Ob das ewig hingenommen wird, ist eine andere Frage.

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