Warum Arnold Vaatz das Berliner Denkmal und das Dresdner Mahnmal für völlig daneben hält

Vor neuneinhalb Jahren entschied der Bundestag, die Ereignisse von 1989/90 mit einem Denkmal in Berlin zu würdigen. Es gab Gestaltungswettbewerbe, in denen eine angesehene Jury ihren erlesenen Kunstverstand spielen ließ. Heraus kam eine Wippe, eine große Muschelschale, in der das Volk aufund niederschaukeln darf.

Diese kindische Installation verschweigt, woran sie erinnern soll: dass der Kampf um Freiheit, Grundrechte und Selbstbestimmung von Berlin bis Wladiwostok seit 1917 eine zweistellige Millionenzahl Menschenleben und eine Milliarde Haftjahre gekostet hat. Und dass er gegen eine Repressionsmaschinerie stattfand, die bis an die Zähne bewaffnet war und die bis dahin jeden Angriff auf ihre Allmacht mit Gewalt niedergeschlagen hatte.

In Danzig erinnern daran drei 42 Meter hohe Kreuze. Sie schreien die Schmach der Diktatur und den Stolz des Freiheitskampfs in den Himmel. In Berlin dagegen wird das wohl bedeutendste Ereignis der europäischen Geschichte auf Kindergeburtstagsniveau verzwergt. Aber selbst das war manch Einem zu viel; denn wer will schon durch ein Denkmal daran erinnert werden, dass er stets die falschen Parolen durch die Straßen gebrüllt hat! Fledermäuse und Denkmalschutz machten alles teurer und stoppten das Projekt. Zunächst. Nun soll es doch gebaut werden. Ein Gutes hat das ja: Denn auf eine Art sagt das merkwürdige Gebilde dann doch die Wahrheit. Es sagt, dass uns ein rundum positives Ereignis, eines, das wir sogar mitgestaltet haben, ratlos macht, sobald sich  daran kein nationales Schuldbewusstsein zelebrieren lässt.

In Dresden brauchte es keine zehn Jahre. Von der Idee bis zur Installation genügten ein paar Wochen. Nun stehen drei alte Busse hochkant vor der Frauenkirche. Führte man den Schutz von Fledermäusen und Sichtachsenstörungen gegen dieses Bauwerk an, dann lynchte einen vermutlich der Aufstand der Anständigen. Dresden ist ja, laut Oberbürgermeister, keine unschuldige Stadt. Stimmt, denn Städte sind niemals unschuldig – und nie schuldig. Hätte er aber gesagt, Aleppo sei keine unschuldige Stadt, dann wäre  er aus dem Rathaus geflogen. Zurecht. Mit Dresden durfte er’s. Zu Unrecht. Aber man soll ihm verzeihen, sobald er die Busse nach Moskau gebracht hat. Auf den Roten Platz.

Denn die allermeisten Dresdner empfinden Respekt und Mitgefühl angesichts des furchtbaren Leids in Syrien. Sie wollen niemals wieder Krieg, nie wieder Nazis und auch nie wieder Kommunismus. Und sie sind keine ständig mahnbedürftigen potentiellen Rückfalltäter. Man sollte deshalb aufhören, sie so zu behandeln. Aber vielleicht ist das Kunstwerk ja ein Stück „Kampf gegen Rechts“. Nur: Je schriller Ihr diesen führt, je mehr tote Hunde werdet ihr wieder lebendig prügeln.

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