Arnold Vaatz hält den Umgang einiger Politiker mit dem Anschlag von Berlin für eine „Beschwichtigung von kollektivem Versagen“

Der Hergang ist noch nicht im Geringsten aufgeklärt! Und der Typ verteilt schon Schuldzuweisungen! Seid ihr denn schwachsinnig, so was durchgehen zu lassen?“, wetterte ich ins Telefon. In Leipzig hatte sich ein Terrorverdächtiger in der  Zelle erhängt. Das Netz tobte. Der stellvertretende sächsische Ministerpräsident schwadronierte schon von „Justizversagen“, der Justizminister wurde zum Rücktritt aufgefordert. Lang, lang ist’s her! Zwei Monate.

Nun ziehen die Breaking-News-Bänder über den furchtbaren Berliner Anschlag über die Bildschirme. Es klingelt, Menschen öffnen in Erwartung von Tochter, Lebensgefährte oder Vater, aber stattdessen stehen Polizisten vor der Tür. Mit einer Todesnachricht. Man stellt sich dies in der eigenen Familie vor. Geschockt vom Geschehen beachtete ich die sinngemäß gleichlautenden Anteilnahme-Bekundungen diverser Repräsentanten der Öffentlichkeit zunächst nicht. Dann aber sagte der Regierende Bürgermeister Müller: „… und wir hoffen sehr, dass es sich nicht bewahrheitet … dass es ein Anschlag ist.“ Ich hörte die Passage mehrmals. Im Umkehrschluss heißt das wohl: Es ist ein Unterschied, ob etwa ein betrunkener Fahrer, ein Depressiver wie der Pilot Lubitz, eine gebrochene Lenksäule oder aber ein islamistischer Attentäter am Werk war.

Am Leid der Betroffenen ändert auch der von Müller „erhoffte“ Hergang nichts. Aber seine Sorge wird sein: Islamisten-Attentate bedrohen das Weltbild der „Guten“. Sie behindern den „Kampf gegen rechts“. Tags darauf hörte ich im Deutschlandfunk meinen Kollegen Hans-Peter Uhl (CSU). Die Bundeskanzlerin hatte gerade gesagt, „offen“, „frei“ und „miteinander“ sollten wir leben. Uhl ergänzte: „Und auch sicher!“ Die Moderatorin staunte. Dann fragte sie ihn, wie er sich denn von der AfD abgrenze, die das  Gleiche fordere. So viel zu den wahren Sorgen der Journaille am Morgen danach. Oh ja, ich bin für ein faires Miteinander in unserem Land! Aber nicht für den Austausch des Begriffs „Sicherheit“ durch den Begriff „Miteinander“; etwa zur Ausgrenzung von Kritikern – oder zur Beschwichtigung von kollektivem Versagen: Denn wir erfuhren, dass der zunächst Verdächtige freigelassen wurde; dass der neue Verdächtige vier Jahre in italienischer Haft war, nach Deutschland kam; dass sein Asylantrag abgelehnt wurde, er aber nicht abgeschoben werden konnte, weil er (na so was aber auch!) keinen Ausweis hatte; dass er als Gefährder bekannt war – allerdings von den Behörden aus den Augen verloren wurde.

Hätten dies sächsische Behörden verbockt, dann wäre wohl die Bundeswehr in Dresden einmarschiert und hätte die Regierung abgesetzt. Auf Anforderung der Grünen.

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