Arnold Vaatz über die gerade erschienene Autobiografie von Wolf Biermann, 79
Wir haben ein neues Denkmal. Nicht die sechs Meter Karl Marx, die als Geschenk der Volksrepublik China im Tal der Ahnungslosen gebaut werden sollen, in Trier an der Mosel, wo man dessen Lehren nie ausprobiert hat! Nein: ein Denkmal des Wirkens der Marx’schen Ideen. Ein Buch! Ein Buch als Denkmal für dieses Land: eine Explosion der Bilder, eine Saga von Mut aus Angst und Angst aus Mut, Irrtum aus Klugheit und Klugheit aus Irrtum; strotzend vor Frechheit, Jugend, Freiheit und klar wie Quellwasser. Es heißt „Warte nicht auf bessre Zeiten!“, geschrieben hat es ein bald 80-Jähriger: Wolf Biermann.
Wer als Atheist die Sätze des Atheisten Biermann liest, der glaubt danach wieder an Gott: wie der Wal der Geschichte den „kleinen Jona“ Biermann in der Ruinenstadt Hamburg verschlingt, sich elbaufwärts durch viel zu flaches Wasser quält und ihn hinter Schnackenburg ausspuckt, mitten in die Marschformationen der Jungen Pioniere hinein, ins selbst ernannte bessere Deutschland. Gott hat sich, wie damals im Alten Testament, einen Typen ausgesucht, an dem er zwar alle Foltergeräte der Menschenwelt ausprobieren lässt, dem er aber einen Lebenskompass von so bestechender Unbestechlichkeit mitgibt, dass er zum Navigator im Irrgarten einer ganzen Epoche taugt.
Es ist ein ganz großes Buch. Unsere Generation, die im Schlaf die in spielerischer Leichtigkeit gereimten Biermann- Balladen hersagen kann, ohne sie je in der Schule gelernt zu haben – sie ist dort zwischen den Buchdeckeln festgenagelt, auf 527 Seiten. Nicht in 95, wie bei Luther, sondern in 527 Thesen. In einer Sprache, gewaltig und leicht wie der des Erfurter Mönchs.
Man sieht die linken Intellektuellen in Ostberlin, die nach dem Nazi-Spuk die neue Gesellschaft errichten wollten und nach und nach merkten, was wirklich lief. Die einst so mutigen Leute, die auf einmal zu situiert, zu feige, zu selbstbetrügerisch waren, dies einzugestehen. Man sieht sie in verdruckste Chiffren fliehen und riecht den stinkenden kalten Brei, um den sie herumredeten. Das Tafelporzellan des Kommunismus fällt einem klirrenden Polterabend zum Opfer. Man spürt die ordnende Hand der Stasi im Prozess der friedensbewegten Verblödung des Westens. Ein Film aus Worten. Von einem Meister der Sprache, wie der Wal ein durchaus etwas größeres Tier als ein Butt!) nur alle 50 Jahre einen ausspuckt.
Natürlich, lieber Wolf, gibt’s für dieses Denkmal, das du uns errichtet hast, keinen Nobelpreis. Dazu ist das Buch zu wahr und zu wenig frei erfunden. Aber Luther, Cervantes, Grimmelshausen und Heine haben auch keinen abbekommen. Sie brauchten keinen. Und: Wer diese Kolumne nicht recht versteht, der sollte einfach zum Buch greifen: spannend!
Wolf Biermanns Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ ist im Oktober 2016 im Ullstein-Verlag erschienen.