Arnold Vaatz erklärt, warum wir den Respekt vor deutschem Know-how verspielen

Der Chefmanager an der Baustelle des neuen Flughafens Istanbul wurde von einem Mitglied des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur des Deutschen Bundestages bei einem Treffen in der Türkei gefragt, wie es denn um Nachtflugverbote auf türkischen Flughäfen stünde. Schon während der Dolmetscher übersetzte, lächelte der Chefmanager in sich hinein. So was gäbe es hier nicht, sagte er dann der deutschen Gruppe. Die Türken arbeiteten viel. Sie hätten einen tiefen, gesunden Schlaf.

Ungefähr 35 Kilometer nördlich des Zentrums der 10-Millionen- Metropole entsteht der größte Flughafen der Welt. Er wird nach seiner vollständigen Fertigstellung mit sechs Start-und-Lande-Bahnen jährlich 150 Millionen Passagiere abfertigen (das sind täglich 500 000 Passagiere und damit bis zu sechs Starts oder Landungen pro Minute). Baubeginn war am 7. Juni 2014. Das erste Terminal geht im Februar 2018 in Betrieb. Bauzeit also drei Jahre und neun Monate. Den türkischen Gesprächspartnern war bewusst, mit wem sie reden:  mit einer Delegation eines der drei Parlamente, unter deren Aufsicht das Flughafenprojekt Berlin- Brandenburg entsteht.  Kapazität: ein Fünftel des türkischen Projekts. Bauzeit: das Dreifache des türkischen Projekts. Wenn wir Glück haben, und die Eröffnung wirklich 2017, elf Jahre nach Baubeginn, stattfindet. Eine international viel beachtete Lachnummer.

Aber lassen wir mal den Luftverkehr beiseite: Wir wollen ja öko. Also: Ersatz von Individualverkehr durch öffentlichen Personennahverkehr. Nun: In Istanbul entstehen bis zum Jahr 2019 in einer Gesamtbauzeit von 15 Jahren 475 Kilometer U-Bahn, Bosporus- Querungen inklusive. Berlin liegt nicht am erdbebengefährdeten Rand, sondern im erdbebenfreien Inneren der eurasischen Platte – und auch nicht am Bosporus, sondern an der Spree. Aber wir benötigten für die U-Bahn- Linie U 55 (Gesamtlänge 1,8 km) 14 Jahre (1995– 2009). Während die Türkei Flughäfen nur dreimal so schnell baut, baut sie U-Bahn- Strecken 250-mal so schnell wie wir. All dies trat nach und nach bei höflich verborgener Heiterkeit der türkischen  Gesprächspartner zutage.

Der Respekt vor deutschem Know-how stammt aus Kaiser Wilhelms Zeiten. Er bezog sich  auf den Bau der Anatolischen Bahn und der Bagdad-Bahn (Istanbul–Bagdad) mit etwa 2000 Kilometer Nebenstrecken bis 1918, ein Projekt der deutschen Wirtschaft, konzessioniert vom Osmanischen Reich. Wir sind dabei, diesen Respekt in rasender Geschwindigkeit zu verspielen. Während wir mit erhobenem Zeigefinger als Welt-Energie- und Ökoausbilder umherlaufen, bringen wir seit Jahren kaum noch ein größeres Infrastrukturprojekt zu Ende. Es wäre schön, ließen uns die liberaleren Gesprächspartner wissen, wenn die Kaiser aus Deutschland, die Erdoğan heute so berechtigt kritisieren, nicht selbst so nackt wären.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung notwendiger Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen