Arnold Vaatz analysiert die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus

Wo ist das?“, fragte der junge Mann und zeigte auf das Hintergrundbild  meines Bildschirms im Berliner Büro. Ich beschäftige zuweilen Praktikanten, Und dieser war 19 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Berlin. Ich entgegnete: „Das kennen Sie nicht? Ist doch ein berühmtes Motiv: die Champs- Élysées mit dem Triumphbogen. Die große Prachtstraße von Paris, wo Staatsbesuche zelebriert werden, Militärparaden und so, „ Der junge Mann studierte das Bild, drehte sich dann um und sagte: »Berlin ist doch auch eine europäische Hauptstadt. Gibt’s bei uns auch so eine – wie Sie sagen – Prachtstraße?‘ „Klar! Das ist die Straße Unter den Linden!“

Und während ich ins Schwärmen geriet ob der Genialität dieser Anlage, der Aufwertung des Brandenburger Tors vorn Stadttor zum Triumphtor mit der Quadriga als Friedensbringerin, der genialen Anlage des Tiergartens und der Straße des 17. Juni zur Siegessäule, unterbrach mich der Praktikant mit folgenden Worten: „Komisch, Ich bin jetzt 19. Und seit ich denken kann, habe ich die Straße Unter den Linden niemals anders gesehen als bis in die Baumkronen vollgestopft mit Baucontainern und Baubudenmüll.“ Zeitpunkt des Gesprächs: Mai 2016.

Diese Stadt war einmal die Metropole der modernen innerstädtischen Verkehrslösungen. 1902 fuhr die erste U-Bahn. Binnen 20 Jahren entstanden damals fast 30 Kilometer U-Bahn. Mit Hacke und Schaufel! Heute: ungefähr zehn Jahre Bauzeit für 700 Meter. Berlin ist ein Museum für das Scheitern einer überregulierten und in der Abwesenheit von gesundem Menschenverstand versinkenden Demokratie. Nichts wirkt planvoll und zielgerichtet. Vielleicht der Wiederaufbau des Schlosses, Aber das war’s dann. Ansonsten ist BER überall. Die öffentliche Verkehrsinfrastruktur ist ein Tummelplatz für Flickschusterei. Ganze Straßenzüge bröckeln graffitiverschmiert vor sich hin. In der Nacht zum 1, Mai brannten jahrelang die Autos. Die Polizei wird vom Mob verdroschen. Rütlischule, wohin man schaut. Und nirgendwo in Deutschland sieht man am helllichten Tag so viele Typen im Schlafanzug mit Badelatschen durch die Straßen schleichen wie in Berlin.

Und wie reagieren die Berliner auf Misslichkeiten? Am Anfang wird ein bisschen gemeckert, dann gewöhnt man sich daran und biegt ein in den alten Trott. Die jüngsten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus waren nur ein mattes Echo diffuser Unzufriedenheit und Ratlosigkeit. Die Berliner Wähler haben ihre Stimmen auf fünf Parteien gleichmäßig aufgeteilt, von denen drei die Ratlosigkeit der Wähler teilen und zwei die Menschen aufeinanderhetzen.

Vielleicht sollte man das Länderfinanzausgleichsgeld für Berlin ein wenig drosseln. Damit die Bürgerschaft aus ihrem Trott erwacht und den Stadtbürokraten endlich einmal Beine macht.

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