Arnold Vaatz hält die Sorge vor Gesundheitsgefahren durch Bratwurst, Handy und Glyphosat für übertrieben.

Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein waren Hexen an allem schuld: Epidemien, zweiköpfige Kälber, Unwetter, Feuersbrünste oder Missernten. Die damaligen Machthaber verfolgten daher in der Regel die Hexen. Sie wollten nach dem neuesten Stand der damaligen „Wissenschaft“ Schaden von ihren Städten und Ländern abwenden; denn selbst die großen Reformatoren – Luther und Calvin – teilten in diesem Punkt die allgemein herrschende katholische Meinung. Nur: Die Hexengefahr war eine eingebildete Gefahr. Eine, die Zehntausenden das Leben kostete.

Das gibt’s heute nicht mehr. Jedenfalls nicht in Bezug auf Menschen. Da gilt Rechtsstaat und Unschuldsvermutung. Und die Kirchen bedauern und bitten die Toten um Vergebung. Schön. Gefahrenabwehr betreiben wir in Europa aber noch immer lustig nach dem Prinzip des „Hexenhammers“. Wir nennen es nur anders. Es heißt heute „Vorsorgeprinzip“. Dieses betrachtet alles als gefährlich, von dem nicht bewiesen wurde, dass es ungefährlich ist. Dem gegenüber steht das „Wissenschaftsprinzip“ der Amerikaner: Dieses betrachtet alles als ungefährlich, von dem nicht erwiesen ist, dass es wirklich gefährlich ist.

Unser europäisches  Prinzip ist seit 24 Jahren Teil des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft und der Rio-Deklaration für Umwelt und Entwicklung. Die Amerikaner reagieren nur auf Katastrophen. Wir aber verhindern Katastrophen! Können wir uns nicht auf die Schultern klopfen für so viel Weisheit? Zweifellos. Aber nur solange wir wirkliche Katastrophen verhindern. Und nicht, wenn wir unsere Kräfte an die Abwehr eingebildeter Katastrophen verschwenden wie seinerzeit die Inquisition.

Denn wir wittern inzwischen so ziemlich hinter jeder Inhaltsbeschreibung auf Lebensmitteletiketten, hinter jedem Spielzeug, jeder Windel und jeder Kinder-Malfarbe, hinter Flugzeug- Kondensstreifen am Himmel, Sende- oder Strommasten, hinter jeder Neuzüchtung, jeder Wurst und jedem Handy eine Gefährdung; weil sich von nichts streng genommen beweisen lässt, dass es ungefährlich ist. Die „German Angst“ zerfrisst unsere Gesellschaft – zum Gelächter der ganzen Welt. Das an sich richtige Vorsorgeprinzip ersäuft in seiner Selbstüberschätzung und seiner Maßlosigkeit. Und es spielt umso mehr mit den Muskeln, je geringer die Gefahren sind. Als etwa die DDR-Landwirtschaft noch Quecksilberbeize in den Boden verfrachtete, gab es keine Kritik.

Aber es gibt jetzt doch noch Hoffnung: Nachdem vor 30 Jahren der menschliche Appetit auf Rostbratwürste deren angedichtete Krebsgefahr besiegte, wird der Selbsterhaltungswille unserer  Landwirte vielleicht auch dem seit Jahrzehnten ohne erkennbare Auswirkungen auf die Krebshäufigkeit verwendeten Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat den politischen Scheiterhaufen ersparen.

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