Das Thema: Um den lautstarken Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil gibt es eine
leidenschaftliche Debatte.
Ende November 2015 machten in Hannover einige Bürger von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch. Einige skandierten ihre Auffassungen durch gut hörbare Sprechchöre. Unter anderem lauteten diese: „Deutschland verrecke“ und „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“. Unter den Demonstranten war eine Person, die der Deutsche Bundestag zwei Jahre später zum wiederholten Mal in ein Vizepräsidentenamt wählte.
Nun staunt man, wenn es junge Leute ablehnen, sich in einem Land heimisch zu fühlen, das sich selbst derart hasst. Während es in Deutschland als völkisch gilt und verpönt ist, als Identifikationsgrund seine Abstammung anzuführen, taten Özil und Gündoğan genau das. Die diktatorischen Züge des türkischen Präsidenten, dem sie dabei huldigten, waren ihnen gleichgültig. Ihre deutschen Fans reagierten empört – im Kern aber wohl nur aus Wut über das eigene verklemmte Verhältnis zum eigenen Land. Denn bei der WM sah man, wie es andere halten: Mit welcher Leidenschaft Brasilianer, Kroaten, Belgier und nahezu alle anderen Teams ihre Hymnen sangen. Selbst der in Kamerun geborene Umtiti presste nicht ob der kolonialen Unterdrückung seines Herkunftslandes durch die Franzosen trotzig die Lippen zusammen, sondern schmetterte die Marseillaise.
Dem lustlosen Gesang der Deutschen folgte ihr ideenloser Auftritt und das im ganzen Land verlachte Aus. Man fragte sich, ob die Spieler zuerst als Fußballer oder zuerst als Werbeträger für die multikulturelle Gesellschaft ausgewählt worden waren. Oder nach den Interessen von Spielervermittlern, die dem Bundestrainer nahestehen.
Zurück zu Özil. Von einem De Bruyne und einem Modrić trennen ihn Welten. Sportlich ist er auf dem absteigenden Ast. Für „die Mannschaft“ kommt er so oder so nicht mehr infrage. Dass die maßgebenden Medien zu allem nicken, was das Klischee vom deutschen Rassismus nährt, wussten seine Vermarkter mit der Formulierung seines Rücktrittsschreibens klug zu nutzen. Die Stilisierung Özils als Rassismusopfer lenkt perfekt von sportlichen Fragen ab und bremst den freien Fall seines Marktwerts.
Der Beifall der „Deutschland verrecke“-Krakeeler ist Özil ebenso sicher wie nach Karriereende die Sympathie Erdoğans oder seiner Nachfolger.